Failed State England – Wo steht die Linke?
Die Kämpfe zwischen den vorwiegend Jugendlichen und der Polizei in England breiten sich aus. Nachdem die Auseinandersetzungen am Samstagabend in Tottenham begannen, weiten sie sich nun in andere Stadtviertel Londons aus (Clapham, Croydon, Peckham, Lewisham, Camden, Earling). Auch in Birmingham und Liverpool wir inzwischen gekämpft.
Unisono berichten die bürgerlichen Medien (Spiegel.de, Sueddeutsche) von einer überforderten Polizei. Dies soll sich nun ändern, 16.000 Polizist_innen sollen heute Nacht London befrieden. Indessen kam es nun zum zweiten Toten in London. Der erste Tote, Mark Duggan, der am Donnerstag von der Polizei erschossen wurde, hatte die Proteste ausgelöst, die am Samstagabend die Auseinandersetzungen auslöste. Der zweite Tote ist noch ohne Namen. Er wurde mit mehreren Schusswunden in ein Krankenhaus eingeliefert, und erlag dort seinen Verletzungen. Ob er von der Polizei erschossen wurde oder nicht ist zu dieser Stunde noch nicht geklärt.
Die radikale Linke ist wie gewohnt in der Sinnkrise. Die einen Rufen gleich zu mehr Ausschreitungen auf („Wann brennt Berlin?“ auf linksunten), die anderen sehen in jedem Verletzten des staatlichen Gewaltmonopols sofort eine Tendenz zur Barberei und sind mit ihrer Angst vor dem Pöpel nicht mehr von der bürgerlichen Presse zu unterscheiden. Versuchen wir uns einmal an einem sinnvollen Diskurs über Ereignisse in England. Das soll ein erster Versuch sein.
Es ist euer Staat – es ist eure Gewalt
Die bürgerliche Presse wird es nicht Müde von jugendlichen Kriminellen, Randalierern, Plünderern zu reden. Damit ist nichts erklärt, aber es wird klar wo die bürgerlichen die Verantwortung sehen für den Gewaltausbruch: Bei den Marginalisierten, die nun auf sich aufmerksam machen. Dieser Versuch gesellschaftliche Missstände auf diejenigen Abzuwälzen welche sie erleiden müssen ist einfach zu durchschauen.
Dabei sollte jedem klar sein wer die Feuer gelegt hat. Wenn 25 % der Jugendlichen in Vierteln wie Tottenham arbeitslos sind, ist die Gewalt nicht neu in den Vierteln. Wer Menschen ausschließt vom Reichtum, von Bildung und Beteiligung an der Gesellschaft kann nicht jetzt erst von Gewalt sprechen. Der Staat hat diese Menschen seid Jahren strukturell missbraucht. Jugendliche ohne Perspektive, Arbeit und Bildung sind kein Naturprodukt, sondern Ergebnis des Kapitalismus in seiner heutigen Form. Vollbeschäftigung kann und wird es nicht mehr geben: Jede_r der an dieser Art des Wirtschaftens festhält, muss damit rechnen das die Ausgeschlossenen sich auch ab und an wehren werden.
Was wir dieser Tage erleben ist die Sichtbarmachung einer ganzen Schicht von deklassierten die sich gegen die tägliche Gewalt wehrt die ihr seid Jahren angetan wird: Die rassistischen Kontrollen der Polizei, die wirtschaftliche Zerstörung ihrer Viertel, die Arbeitslosigkeit, die Drogen, etc. Aber die Ausschreitungen in London sind keine Revolution, keine Überwindung dieser Zustände. Es ist die Gewalt derjenigen, die nur Gewalt erfahren haben. Aber keine Zielgerichtete, keine Gewalt als Hebamme der Revolution. Es ist die Ziellose Gewalt einer klassenlosen Schicht, die zum großen Teil gegen sich selbst gerichtet ist. Gegen die letzte Infrastruktur im Viertel, gegen den eigenen Wohnraum.
Die Jugendlichen in den Armenvierteln sind keine Linken (zumindest nicht in ihrer Gesamtheit). Das sieht man an den Zielen der Attacken. Mag man auch geplünderte Juweliergeschäfte gutheißen – Reichtum für alle!; so sind viele der abgebrannten Häuser Wohnungen von eben jenen Maginalisierten gewesen. So ist der Aufruf im Artikel : London brennt! - Wann folgt endlich Berlin?!: „Jetzt ist kämpferische Solidarität mit den Londoner Genoss_innen gefragt!“ irreführend. Wir sind keine Zeug_innen einer sozialistischen Revolution. Was wir erleben sind die Aufstände der vergessenen Schichten im Kapitalismus. Das Lumpenproletariat der Postmoderne steht auf gegen die Strukturelle Gewalt die es zu dem Macht was es ist: Den Vergessenen.
Es geht also weder darum das ganze zu verurteilen, noch es hochzujubeln. Jeder Akt des Ungehorsams schafft eine Möglichkeit sich zu organisieren. Damit ist dieser Akt des Aufbegehrens eine Chance für die radikale Linke. Ob wir ihn nun gutheißen oder nicht ist völlig egal. Die deklassierten haben nicht darauf gewartet das der kommende Aufstand geschrieben wurde oder wir als radikale Linke diese Gewalt verurteilen oder gutheißen. Wir können diese Chance zu Agitation nur nutzten oder sie ungenutzt lassen. Wir können jetzt nach dem Staat schreien weil uns nicht geheuer ist was aus diesem Protest erwachsen könnte, oder wir können beginnen eigene Strukturen aufzubauen und das Maß der Empörung zu nutzten, das sich in Englands Straßen zeigt.
Die falschen Alternativen
Wird in den Straßen Englands also nun die ganze Gewalt sichtbar die der Kapitalismus immer in sich trägt ist das kein Grund zur Freude. Es ist aber auch kein Grund sich zu wünschen das die marginalisierten mit der Gegengewalt doch bitte warten sollen bis sie das Bewusstsein zur „sozialistischen Revolution“ haben (Kommentar zum Artikel „Wann brennt Berlin?“ auf linksunten: „Riot finde ich ja auch ganz belustigend, aber bevor jetzt eine Revolution gestartet wird lieber keine Revolution, dazu fehlt einfach das Bewusstsein der Leute.“
Es kommt als erstes darauf an in unserer Gegenöffentlichkeit – Unseren Nachrichten, unseren Diskursen die Gewalt in London als das Darzustellen was sie ist: Ein Produkt des Kapitalismus, und nichts anderes. Es ist die Sichtbarmachung der täglichen Gewalt gegen diejenigen, die nichts mehr zu verlieren haben.
Ist das erkannt, kommt es darauf an Menschen zu organisieren. Zu zeigen das die Gewalt die sie täglich erfahren kein Naturgesetz ist. Wir brauchen keine brennenden Barrikaden um Gewalt im Kapitalismus zu sehen; aber wenn sie brennen können wir sie nutzten um zu zeigen wieviele Menschen von ihr Betroffen sind und beginnen sich zu wehren. Brennen nun also Wohnungen in den Armenvierteln von London ist das keine Revolutionäre Gewalt: Es zeigt die unorganisiertheit derjenigen, welche vom System ausgeschlossen werden. Es zeigt eine gescheiterte radikale Linke, die selbst bei denjenigen, die längst die Schnauze voll haben vom bürgerlichen Staat, keine Nährboden für ihre (vermeintlichen) Alternativen findet.
Fragend voran gehen
Die Menschen die gerade in Londons Straßen kämpfen können auf unsere Solidarität verzichten. Mehr als ein paar Lippenbekenntnisse versteht die radikale Linke ohnehin nicht mehr unter diesem Wort. Wenn wir den Menschen wirklich helfen wollen, die gerade ihrer Wut gegen ihre Ausgrenzung Luft machen, dann können wir das vor allem wenn wir überlegen wie wir weiter vorangehen können. Wie lässt sich die Wut in Widerstand verwandeln, der länger Anhält als ein Wohnungsbrand? Wie schaffen wir eine Gegenöffentlichkeit, die wirksam der bürgerlichen Propaganda entgegenwirkt, dass das Problem die Randalierer wären und nicht ein System das die Menschen zum Randalieren bringt?
Es geht an der eigentlichen Frage vorbei ob wir die Gewalt gutheißen oder nicht. Die Gewalt gegen das System wird es sollange geben wie es das System gibt. Der Widerstand ist immanentes Produkt des Kapitalismus. Die Frage ist ob wir diesen Widerstand nutzten können um es zu überwinden – oder ob der bürgerliche Staat es nutzten kann um seine Überwachung weiter und totaler Auszubauen.
Lasst uns in unseren Stadtvierteln endlich wieder Versammlungen organsieren damit die Menschen sich kennen lernen. Damit klar ist was brennen muss: Nicht unsere Wohnungen, sondern unsere Herzen!
(Quelle: linksunten.indymedia)



